Im Gespräch mit unserer
Chefredaktorin, Larissa M. Bieler

 

«Die Schweiz ist global stark verflochten, prägt das Ausland, nimmt Einfluss, ist vom Ausland abhängig – hier müssen wir uns stärker journalistisch positionieren»

Seit dem 1. Januar 2016 bist du bei SWI swissinfo.ch tätig. Der internationale Dienst der SRG berichtet in zehn Sprachen, bespielt in allen Sprachen verschiedene Social-Media-Kanäle und musste sich 2017 nicht nur internen strukturellen Veränderungen, sondern auch dem rauen politischen Klima der No-Billag-Initiative stellen.

Larissa, was waren für dich die wichtigsten Meilensteine 2017?

Wie alle Medien weltweit stehen wir vor der Herausforderung, die Beziehung zum Publikum zu stärken. Für swissinfo.ch ist dies insofern besonders wichtig, da unser Zielpublikum global verstreut, sehr heterogen und distanziert ist. Es ist darum wirklich eine grosse Kunst, die Leserinnen und User direkt anzusprechen, damit sie sich auch betroffen fühlen oder einen unmittelbaren Wert in der Berichterstattung erkennen. Das ist in einer kantonalen Tageszeitung natürlich viel übersichtlicher und einfacher. Ein Beispiel: Portugiesischsprachige Communitys gibt es in Portugal, in Lateinamerika, in Afrika und in Europa, viele leben auch in der Schweiz – nun, einheitlich kann man diese Menschen nicht unmittelbar ansprechen, sie haben spezifische Themen und Bedürfnisse. Es gibt aber eine Lösung: Wir müssen uns stärker thematisch ausrichten, uns aus der anonymen Masse herausheben, spezialisieren und die Communitys entlang den Themennischen aktivieren, pflegen und einbinden. Entlang von Themeninteressen können wir bündeln und spezifischer ansprechen. Unter anderem haben wir dies 2017 mit einem Community-Monat versucht, gefordert ist derzeit vor allem auch der Community Developer – und die Arbeit geht im 2018 weiter.

 

Und was bedeutete das für die internen Abläufe?

Das Beispiel der portugiesischen Sprache bedeutet, dass eine Sprache allein nicht mehr ausreicht, um Userinnen und User direkt anzusprechen und der enormen Konkurrenz im Internet standzuhalten, uns unverzichtbar zu machen und herauszuragen. Das hat für die internen Organisationsabläufe direkte Konsequenzen. Wir bauen Fachredaktionen mit Expertise auf, die sich als Kompetenzzentren kontinuierlich und mit Fachwissen um Themenbereiche wie Genève internationale, direkte Demokratie, Aussenbeziehungen, Klima, Fintech usw. kümmern. Wir gewinnen so an Qualität, an Effizienz, da die Themen bekannt sind, und haben eine Möglichkeit, weiter auch international gelesen zu werden und relevant zu sein.

 

Was bedeutet die No-Billag-Initiative für die tägliche Arbeit von swissinfo.ch?

Es entsteht auch intern viel Diskussionsbedarf, da die Forderung in dieser Heftigkeit unsere Arbeit stark hinterfragt und zuweilen als unnötig sowie belanglos hinstellt, um es diplomatisch auszudrücken. Wir fühlen uns unserer Legitimation noch stärker verpflichtet, mit Informationen eine Meinungsbildung für die demokratischen Prozesse zu ermöglichen, wir sehen uns als wesentlicher Bestandteil einer demokratischen Öffentlichkeit. Die Schweiz ist global stark verflochten, prägt das Ausland auch, ist vom Ausland aber auch abhängig – hier müssen wir uns stärker journalistisch positionieren. In der journalistischen Alltagsarbeit lassen wir uns nicht beirren, wir berichten wie gehabt, sachgerecht, ausgewogen, transparent und vielfältig. Wir sind professionell genug, auch wenn es um unsere eigene Existenz geht und manchmal schmerzt.

 

Transparenz, Faktentreue und Ausgewogenheit sind Schlüsselbegriffe für die Berichterstattung von swissinfo.ch. Du führst uns im folgenden Video durch unseren Produktionsraum.

Was ist dir persönlich bei einer journalistischen Produktion besonders wichtig?

Journalismus ist keine Fliessbandarbeit. Um gute Geschichten zu schreiben und Fragen zu schärfen, sind interne Debatten und Feedback essenziell. Darum ist es in erster Linie entscheidend, dass die Journalistinnen und Journalisten den informellen Dialog pflegen, miteinander sprechen, sich austauschen – dass sie Wissen vernetzen und nutzbar machen. Gerade in unserer Konstellation mit zehn Sprachredaktionen und mit vielen Korrespondentinnen und Korrespondenten, welche die Situationen und Bedürfnisse weltweit sehr gut abschätzen können. Kurz: Dialog ist entscheidend, das bringt Tiefe, Überraschung und Qualität, und wir differenzieren uns. Denn das Wissen innerhalb von swissinfo.ch ist enorm gross.

 

Gibt es Themen, über die du auf swissinfo.ch gerne berichten würdest, die es bis jetzt aber noch nicht gibt?

Unsere Berichterstattung ist sehr vielfältig. Nun gilt es, das editoriale Profil zu schärfen und vom journalistischen Ansatz her weniger einfach abzubilden, sondern diese Positionen, Entscheide stärker zu hinterfragen und aufzuzeigen, wie sie entstanden sind. Und ja, gerade im Bereich Genève internationale, internationale Diplomatie und Foreign Affairs sehe ich Potenzial für swissinfo.ch.

 

Und welche Vorschläge würdest du sofort ablehnen?

Das kann ich so radikal nicht sagen, es hängt im Einzelnen davon ab, wie gut die Geschichten realisiert und erzählt sind. Wir können es uns zum Beispiel nicht mehr leisten, aus rein eigenen Interessen an Events zu gehen und darüber zu schreiben. Dafür haben wir die Ressourcen nicht mehr. In vielem Redaktionen haben wir noch drei Vollzeitstellen FTE zur Verfügung, und die Aufgaben nehmen eher zu. Das wichtigste Kriterium ist die Relevanz für ein Publikum im Ausland.

 

Gibst du unseren Leserinnen und Leser einen Ausblick, was 2018 bei SWI swssinfo.ch auf sie wartet?

Wir suchen die Nähe zum Publikum, möchten stärker in einen Dialog mit unseren Communitys treten. Wir vertiefen unsere Kernaufgaben, die wir in den Fachbereichen direkte Demokratie, Genève internationale oder auch im Dossier zur fünften Schweiz sehen. Dann schärfen wir das thematische Profil und machen uns erwartbarer. Wir dürfen kein Gemischtwarenladen sein: heute Zigaretten, morgen Minestrone, übermorgen Bettwäsche – da kommt ja niemand mehr zurück auf unsere Webseite. Es muss für die Leute sehr klar sein, warum es swissinfo.ch für sie braucht und was wir ihnen bieten. Dazu gehört sehr wesentlich, dass man unsere Inhalte auch findet. 2018 ist darum ein Redesign unserer Website geplant, bei der Übersichtlichkeit und der User Experience besteht viel Handlungsbedarf. Und last but not least: Wir arbeiten am Storytelling mit den Spezialistinnen und Spezialisten aus dem Multimedia-Team, um unsere Geschichten zugänglicher zu machen.

Über Feedback würden wir uns freuen: larissa.bielertest@swissinfo.ch!

Herzlichen Dank für das Gespräch. Wir sind gespannt auf die Produktionen von swissinfo.ch 2018.

Interview: Nina Hübner, Kommunikation + Marketing