Vorwort Jahresbericht 2017

Der journalistische 360-Grad-
Rundumblick bei der Themenwahl

Das Publikum und seine Bedürfnisse ins Zentrum stellen

«Wie wählt SWI swissinfo.ch die Themen aus?», werden wir des Öfteren gefragt. Angesichts der schier endlosen Informationsflut ist dies eine berechtigte Frage. Die Zeiten sind vorbei, als die Medienschaffenden die Bedürfnisse und Wünsche der Lesenden zu wissen glaubten und auch gleich noch selber auswählten, worüber sie zu berichten hatten. Heute ermöglichen empirische Analysen, aber auch Nutzerumfragen und Kommentare die Präferenzen des Publikums relativ genau zu erfassen.

Die Journalistinnen und Journalisten von swissinfo.ch lassen sich bei der Themenwahl von einem 360-Grad-Rundumblick leiten.

  • Die erste Aufmerksamkeit gehört dem expliziten Auftrag des Bundesrats, wonach swissinfo.ch über die eidgenössischen Abstimmungen zu berichten hat. Der Stakeholder wünscht, dass wir - Ergänzung zu den offiziellen Abstimmungserläuterungen – auch journalistische Grundlagen liefern, damit die Fünfte. Schweiz das verfassungsrechtlich garantierte Stimm- und Wahlrecht ausüben kann.

    So berichteten swissinfo.ch 2017 ausführlich über die Unternehmenssteuerreform III, die im Februar mit 59,1% Nein klar verworfen wurde. Hohe Beachtung fand auch die Vorlage zur Erleichterten Einbürgerung für die dritte Generation, die am selben Tag mit 60,4% Ja klar angenommen wurde. Im Mai rapportierte swissinfo.ch über das Energiegesetz, das mit 58% Ja-Stimmen klar angenommen wurde. Im September schliesslich erlitten die heiss diskutierte Reform der Altersvorsorge mit 52,7% Nein und die Zusatzfinanzierung der AHV mit 0,3% Mehrwertsteuer Schiffbruch. Auch darüber fanden sich auf unserer Internetplattform vertiefte Vorschauen, Analysen, Interviews und Abstimmungsresultate.
     
  • Zweites Augenmerk bei der Themenwahl galt den Bedürfnissen der ausländischen, an der Schweiz interessierten Leserinnen und Leser. Deren Wünsche unterscheiden sich deutlich nach Sprach- und Kulturräumen. Während sich Chinesinnen und Chinesen, aber auch Amerikanerinnen und Amerikaner stark für das duale Ausbildungssystem interessierten, lag der Fokus in der arabischen Welt schwergewichtig auf Asyl- und Integrationsfragen. In Japan genossen der Prix de Lausanne (Ballett) und die Schweizer Energiepolitik hohe Aufmerksamkeit, während sich Deutschland für den Verbleib des Gurlitt-Erbes begeisterte.

    Rund um den Globus wurden 2017 Berichte vom World Economic Forum, vom Filmfestival in Locarno, über den Zustand der Schweizer Banken und die Pharmaindustrie, aber auch zu den Themen Arbeitsmarkt, Gesundheit, Umwelt, Verkehr, Migration oder Genève internationale gerne und oft gelesen.
     
  • Bei den Auslandschweizerinnen und Auslandschweizern, für die swissinfo.ch eine virtuelle Brücke zur Heimat bildet, fanden Berichte über das E-Voting, die politischen Rechte, die Bankenpolitik, Schweizer Schulen und die No-Billag-Initiative Beachtung.
     
  • swissinfo.ch wird auch im Inland gelesen, vornehmlich von Expats, Migrantinnen und Migranten, Grenzgängern sowie von den ausländischen Vertretungen (Botschafts- und Konsularpersonen). Für sie stehen simple Fragen der Alltagsbewältigung (Arbeitsbewilligung, Schulen, Gesundheit, Mobilität, Einkauf, Steuern, Rechte und Pflichten) im Vordergrund. Diese und andere Bedürfnisse lassen sich klar aus Nutzerstudien ableiten.

Allen Anspruchsgruppen im Rahmen der 360-Grad-Rundumsicht gerecht zu werden, ist Selbstverständnis und Pflicht der Mitarbeitenden von swissinfo.ch Die Fokussierung auf qualitativ hochstehende Eigenleistungen, auf Analysen und audiovisuelle Beiträge zwingt aber auch zum Verzicht. swissinfo.ch kann und will keine Breaking-News-Seite sein. Sportevents, Lokaljournalismus oder einfache Veranstaltungsberichterstattung gehören nicht zum editorialen Themenkreis. Diesbezügliche Informationen überlassen wir gerne den anderen SRG-Einheiten oder den privaten Medien.

Die nutzerorientierte Produktion bedingt ein Umdenken, das 2017 im Zentrum der Veränderungen bei swissinfo.ch stand. Unsere multimedialen und interaktiven Produkte sollen so gestaltet werden, dass sie über eine hohe Relevanz und Usability verfügen. Dies wird dadurch erreicht, dass die Vorstellungen, Ziele, Wünsche und Eigenschaften der Nutzerinnen und Nutzer in den Mittelpunkt des Entwicklungsprozesses gestellt werden.

Damit swissinfo.ch in diesem neuen Umfeld wahrgenommen wird, müssen die Inhalte anders aufbereitet, erzählt, präsentiert und verbreitet werden als bisher. Auch muss verstärkt im Fokus stehen, wie die Inhalte vom Publikum aufgenommen und diskutiert werden. Denn die technologischen Innovationen bieten die grossartige Möglichkeit, die produzierten und geteilten Inhalte in Echtzeit einem Diskurs der Nutzerinnen und Nutzer zuzuführen und mit ihnen in einen Dialog zu treten.

Sind wir fähig, in den Communitys eine genug grosse Resonanz hervorzurufen, dann honorieren das unsere Leserinnen und Leser mit Aufmerksamkeit, Verweildauer, Treue, Reichweite, Inputs, Lob, Kritik, Vertrauen und eigenen Beiträgen. Dies ist und bleibt das prioritäre Ziel von swissinfo.ch, auch im neuen Jahr 2018.

Peter Schibli
Direktor SWI swissinfo.ch